KAPITEL C — KONSTRUKTIONSLEHRE

TRAGWERKE & KONSTRUKTION

Jedes Gebäude muss stehen. Die Art, wie es steht, bestimmt seine Form, seine Spannweite und seine Ästhetik. Tragwerke sind keine technische Nebensache — sie sind die DNA der architektonischen Form.

Lastpfade & Kräftefluss

Jede Last — Eigengewicht, Nutzlast, Wind, Schnee — muss einen durchgehenden Pfad von ihrem Angriffspunkt bis zum Fundament finden. Dieser Pfad heißt Lastpfad. Die fundamentale Regel: Keine Last darf in der Luft enden.

Tragwerke arbeiten mit zwei Grundbeanspruchungen: Druck (Zusammendrücken — Stein, Beton, Mauerwerk sind dafür gut geeignet) und Zug (Auseinanderziehen — Stahl, Holz in Faserrichtung, Seile). Biegung ist eine Kombination aus beiden: oben Druck, unten Zug. Beton hat nur etwa ein Zehntel seiner Druckfestigkeit als Zugfestigkeit; deshalb braucht Stahlbeton Bewehrung: Stahl übernimmt den Zug, Beton den Druck.

Sicherheit nach Eurocode: In Deutschland werden Lasten nach DIN EN 1991 (Eurocode 1, mit Nationalen Anhängen) angesetzt und nach DIN EN 1990 kombiniert. Im Grenzzustand der Tragfähigkeit werden ständige Lasten (Eigengewicht) in der Regel mit dem Teilsicherheitsbeiwert γG = 1,35 und veränderliche Lasten (Nutzlast, Schnee, Wind) mit γQ = 1,5 erhöht; auf der Widerstandsseite wird die Materialfestigkeit zusätzlich abgemindert (z. B. γM = 1,5 für Beton nach EN 1992).

LAST REAKTION REAKTION
Lastpfad
Last → Balken → Stütze → Fundament → Baugrund. Ohne Unterbrechung.

Stütze & Balken (Post-and-Lintel)

Das älteste Tragwerkssystem der Architektur: Zwei vertikale Stützen tragen einen horizontalen Balken. Stonehenge (Sarsen-Trilithen um 2500 v. Chr.), der Parthenon (447–432 v. Chr.) und jeder moderne Stahlbetonrahmen beruhen auf diesem Prinzip. Die Grenze: die Spannweite des Balkens. Steinbalken überspannen nur wenige Meter, Vollholz etwa 5–8 m, Stahl- und Spannbetonträger ein Vielfaches. Der Grund: Unter Gleichlast wächst die Durchbiegung mit der vierten Potenz der Spannweite (w = 5qL⁴/384EI) — doppelte Spannweite heißt 16-fache Durchbiegung (bei einer Einzellast in Feldmitte ist es die dritte Potenz, also 8-fach). Entscheidend ist die Biegesteifigkeit EI: der Elastizitätsmodul (Stahl ~210.000 MPa, Nadelholz ~11.000 MPa) mal dem Flächenträgheitsmoment, das mit der dritten Potenz der Querschnittshöhe wächst. Darum hilft ein höherer Träger mehr als ein steiferes Material.

~5 m
Stein-Architrav
Typische Spannweite eines Steinbalkens. Der Parthenon reiht 46 Säulen der Ringhalle in Achsabständen von gut 4 m.
~20–60 m
Stahlträger
Stahl ermöglicht Spannweiten, die den Griechen unmöglich waren. Der Skelettbau wird möglich.
~30–60 m
Spannbeton
Vorgespannter Beton überwindet die Zugschwäche. Brücken, Hallen, Stadien.

Bogen & Gewölbe

Der Bogen löst das größte Problem des Balkens: Er leitet Lasten überwiegend als Druck ab statt über Biegung. Solange die Stützlinie im Querschnitt bleibt, werden die Steine nur gedrückt — deshalb funktionieren Bögen aus Materialien, die kaum Zug aufnehmen (Stein, Ziegel, unbewehrter Beton). Der Schlussstein schließt den Bogen oben; der horizontale Bogenschub muss von Widerlagern, Strebepfeilern oder Zugankern aufgenommen werden.

Tonnengewölbe — ein verlängerter Bogen. Kreuzgratgewölbe — zwei sich durchdringende Tonnen (Dom zu Speyer). Kreuzrippengewölbe — die gotische Innovation: Rippen bündeln die Lasten, die Kappen dazwischen werden dünn. Kuppel — mehr als ein gedrehter Bogen: Neben den Meridiankräften wirken Ringkräfte (oben Druck, im unteren Bereich Zug), die eine Kuppel steifer machen als einen Einzelbogen. Den Ringzug am Fuß nehmen entweder Zuganker bzw. Ringanker auf (Florentiner Dom: Brunelleschis Stein- und Holzketten) oder Masse und Widerlager: Das Pantheon hat keinen Ringanker — abgetreppte Ringe am Kuppelfuß und die rund 6 m dicke Rotundenwand halten den Schub, Risse im Zugbereich bleiben unkritisch; die Hagia Sophia leitet ihn über Halbkuppeln und Strebepfeiler ab.

SCHLUSSSTEIN SCHUB SCHUB
Bogen & Drucklinie
Lasten werden in Druck umgewandelt. Der horizontale Schub muss vom Widerlager aufgenommen werden.

„Der Bogen schläft nie.“

— Indisches Sprichwort, im 19. Jh. von James Fergusson überliefert

Rahmen & Skelettbau

Der Skelettbau trennt Tragwerk und Hülle — eine der folgenreichsten Ideen der modernen Architektur. Statt der Wand trägt ein Rahmen aus Stahl oder Stahlbeton die Lasten. Die Wand wird frei: Sie kann Glas sein (Vorhangfassade), sie kann fehlen (Pilotis), sie kann überall stehen (freier Grundriss).

Le Corbusiers Dom-Ino-System (1914/15): Horizontale Platten + vertikale Stützen = Freiheit im Grundriss. Dieses Prinzip ermöglichte seine Fünf Punkte (1927) und prägt den heutigen Geschossbau. Mies van der Rohe trieb es weiter: der Universalraum — ein Rahmen, der jede Nutzung aufnimmt.

Curtain Wall
Die Fassade wird zur nichttragenden Haut, vor das Tragwerk gehängt. Frühe Beispiele: das Fagus-Werk von Gropius und Meyer (1911–13) mit stützenfreien Glasecken, das Hallidie Building in San Francisco (1918) und der Werkstattflügel des Bauhauses Dessau (1925–26).
Domino-System
Le Corbusiers Schema: 6 Stützen + 3 Platten (inkl. Bodenplatte) + Treppe = freier Grundriss. Die Stützen tragen die Lasten, Wände werden zu nichttragenden Raumteilern. Neu war das Prinzip nicht (Eisen- und Stahlskelette in Chicago ab 1885, Hennebiques Stahlbetonrahmen ab den 1890ern), aber Dom-Ino machte es zum architektonischen Programm.

Schale & Faltwerk

Eine Schale ist eine gekrümmte Fläche, die durch ihre Form trägt — nicht durch Masse. Eine Hühnereischale ist nur etwa 0,3–0,4 mm dick und hält in Längsrichtung trotzdem rund 30–50 N (3–5 kg) aus. Félix Candela übertrug das Prinzip auf Beton: Seine Hyparschalen (hyperbolische Paraboloide) in Mexiko sind teils nur 4 cm dünn, etwa das Restaurant Los Manantiales (1958) mit rund 30 m Spannweite. Warum ist Krümmung stärker als Dicke? Eine gekrümmte Fläche trägt überwiegend über Membrankräfte in ihrer Ebene — der ganze Querschnitt wird gleichmäßig ausgenutzt, statt nur die Randfasern wie bei Biegung.

Pier Luigi Nervi baute für die Olympischen Spiele in Rom (1960) Sporthallen aus vorgefertigten Ferrozement-Elementen, etwa den Palazzetto dello Sport (1957). Heinz Isler fand seine Schalenformen experimentell: Er hängte nasse Tücher auf, ließ sie im Winter gefrieren und kehrte die Hängeform um — so entstehen Formen, die unter Eigengewicht fast nur Druck erhalten.

Faltwerke funktionieren nach dem gleichen Prinzip wie ein gefaltetes Blatt Papier: Durch die Faltung wird das flache Material steif. Dünner Beton, der gefaltet ist, kann weite Spannweiten überbrücken.

Zugkonstruktionen (Tensile)

Während Bögen und Schalen auf Druck beruhen, nutzen Zugkonstruktionen die Zugfestigkeit von Seilen, Netzen und Membranen. Das Ergebnis: sehr leichte Strukturen mit großen Spannweiten — vorausgesetzt, Masten, Anker und Randseile nehmen die Vorspannung auf. Frei Otto war einer der wichtigsten Pioniere dieser Bauweise.

Olympiadach München (1972, Behnisch & Partner mit Frei Otto; Tragwerksplanung Leonhardt und Andrä): Rund 74.800 m² vorgespannte Seilnetze, an bis zu 80 m hohen Masten abgehängt und mit Platten aus Acrylglas (PMMA) eingedeckt — keine textile Membran. Frei Otto erforschte solche Formen mit Seifenhaut- und Netzmodellen: gesucht war die Form, in der alle Kräfte im Gleichgewicht sind — verwandt mit der Minimalfläche.

74.800 m²
Olympiadach München
Rund 74.800 m² Seilnetz mit Acrylglas-Eindeckung über Stadion, Halle und Schwimmhalle. Frei Otto erhielt 2015 den Pritzker-Preis; er wurde kurz nach seinem Tod bekanntgegeben.
min A
Minimalfläche
Eine Fläche mit kleinstmöglichem Flächeninhalt bei gegebenem Rand. Seifenhäute bilden sie von selbst — Otto nutzte sie als Formfindungsmodelle.

Massivbau vs. Skelettbau vs. Holzbau

Drei fundamentale Konstruktionsprinzipien — jedes mit eigener Logik, eigenem Ausdruck und eigenen Grenzen:

MASSIVBAU
SKELETTBAU
HOLZBAU
Prinzip: Wand = Tragwerk
Prinzip: Rahmen trägt, Wand ist frei
Prinzip: Natürliches Material, Fügung
Material: Ziegel, Beton, Stein
Material: Stahl, Stahlbeton
Material: Vollholz, BSH, CLT
Spannweite: 5-8 m
Spannweite: 10-60 m
Spannweite: Vollholz ~5 m, BSH-Träger ~10–35 m, Brettsperrholz-Decken ~5–8 m
Vorteil: Thermische Masse, Akustik, Dauerhaftigkeit
Vorteil: Flexibilität, Höhe, große Öffnungen
Vorteil: CO₂-Speicher, schnell, leicht, warm
Grenze: Schwere, geringe Flexibilität
Grenze: Brandschutz (Stahl), Kosten
Grenze: Feuchtigkeit, Brandschutz, Höhe
Beispiel: Kölner Dom, Gründerzeit-Mauerwerksbau
Beispiel: Bauhaus, Seagram Building
Beispiel: Mjøstårnet (85,4 m, 2019), Ascent Milwaukee (86,6 m, 2022, Holz-Beton-Hybrid)

Trend: Hybridbau kombiniert die Systeme — z. B. Betonkern für Aussteifung und Brandschutz, Holz-Beton-Verbunddecken oder Brettsperrholz, Stahl für große Spannweiten. Holz speichert biogenen Kohlenstoff, Stahl ermöglicht Spannweiten, Beton liefert Masse, Schallschutz und Stabilität.

Spannweiten-Rechner

Welches Tragwerk passt zu deiner Spannweite? Wähle ein System und stelle die gewünschte Spannweite ein. Die Grenzen sind grobe Richtwerte für den Vorentwurf, keine Bemessung nach Eurocode.

Span Calculator
15 m

Quellen / Literatur

Die Angaben dieses Kapitels stützen sich auf folgende Quellen. Normen sind in der jeweils genannten Fassung gemeint; Kennwerte sind Richtwerte für den Entwurf und ersetzen keine Bemessung.

  1. DIN EN 1990:2010-12 (Eurocode 0): Grundlagen der Tragwerksplanung, mit Nationalem Anhang DIN EN 1990/NA:2010-12 — Teilsicherheitsbeiwerte γG = 1,35, γQ = 1,5.
  2. DIN EN 1991-1-1 (Eurocode 1): Einwirkungen auf Tragwerke — Wichten, Eigengewicht, Nutzlasten im Hochbau; Teile 1-3 (Schnee) und 1-4 (Wind), jeweils mit NA.
  3. Heino Engel: Tragsysteme / Structure Systems. Ostfildern: Hatje Cantz 2009 (Erstausgabe Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1967; mehrere Neuauflagen).
  4. Klaus-Jürgen Schneider (Hrsg.): Bautabellen für Ingenieure. Köln: Reguvis, aktuelle Auflage (27. Aufl. 2026) (Durchbiegungsformeln, Kennwerte).
  5. Jacques Heyman: The Stone Skeleton. Structural Engineering of Masonry Architecture. Cambridge University Press 1995.
  6. Winfried Nerdinger (Hrsg.): Frei Otto. Das Gesamtwerk — Leicht bauen, natürlich gestalten. Basel: Birkhäuser 2005.
  7. John Chilton: Heinz Isler. London: Thomas Telford 2000 (The Engineer’s Contribution to Contemporary Architecture).
  8. Olympiapark München: „Das Zeltdach". olympiapark.muenchen.de (Seilnetz, Acrylglas, Fläche).
  9. Informationsdienst Holz / BauNetz Wissen: Dach- und Deckenelemente aus Brettsperrholz. baunetzwissen.de
  10. CTBUH: Ascent (Milwaukee) als höchstes Holz-Hybrid-Hochhaus zertifiziert, 2022. enr.com