KAPITEL B — ENTWURFSMETHODIK

GRUNDRISS-DESIGN

Der Grundriss ist der DNA-Code eines Gebäudes. Alles, was Architektur ausmacht — Bewegung, Licht, Privatheit, Begegnung — wird hier entschieden. Wer den Grundriss beherrscht, beherrscht den Entwurf.

Den Grundriss lesen

Ein Grundriss ist ein horizontaler Schnitt durch ein Gebäude, üblicherweise etwa 1,00 m über dem Fußboden (DIN 1356-1). Er zeigt alles, was der Schnitt durchschneidet: geschnittene Wände (kräftig, oft dunkel gefüllt), Öffnungen (Türen mit Schwenkbogen, Fenster als Unterbrechung), Treppen (Pfeil in Laufrichtung aufwärts) und feste Einbauten.

Was ein Grundriss nicht zeigt — aber impliziert: Raumhöhe, Materialität, Lichtstimmung, akustische Qualität. Deshalb braucht man immer Grundriss UND Schnitt zusammen. Der Grundriss allein ist wie ein Roman ohne Adjektive — die Struktur stimmt, aber die Atmosphäre fehlt.

Maßstab
1:100 — Entwurf und Bauantrag, Raumaufteilung. 1:50 — Ausführungsplanung, Möblierung. 1:20 und größer — Details, Materialanschlüsse.
Nordpfeil
Zeigt die Himmelsrichtung — entscheidend für Belichtung. Faustregel auf der Nordhalbkugel: Wohnräume nach Süden/Westen, Schlafräume nach Osten, Nebenräume nach Norden.
Erschließung
Wo ist der Eingang? Wie kommt man in jeden Raum? Die Erschließungslogik definiert die gesamte Grundrissorganisation.

Zirkulation — Bewegung im Raum

Zirkulation ist das Nervensystem eines Grundrisses — die Art, wie Menschen sich durch ein Gebäude bewegen. Sie bestimmt, welche Räume man passiert, welche Blickachsen sich ergeben und wie intensiv Begegnung stattfindet. Es gibt drei Grundtypen:

Linear
Räume reihen sich an einem Gang auf. Klar, effizient, aber oft monoton.
Radial
Ein zentraler Raum (Halle, Atrium) verteilt in alle Richtungen. Orientierung sofort klar.
Raster
Gleichmäßiges Raster — maximale Flexibilität. Jeder Raum ist gleich erreichbar. Büro, Museum.

Zonierung — Öffentlich bis Privat

Zonierung ordnet Räume nach ihrem Grad der Privatheit. Ein guter Grundriss schafft fließende Übergänge — vom öffentlichsten Punkt (Eingang) zum privatesten (Schlafzimmer). Vier Zonen:

Öffentlich (Eingang, Foyer)
Halböffentlich (Wohnen, Essen)
Privat (Schlafen, Bad)
Dienend (Küche, Lager, Technik)

Regel: Dienende Räume (Küche, Bad, WC, Technik) werden zusammengefasst — sie teilen Installationen und verkürzen Leitungswege. Faustregel auf der Nordhalbkugel: Wohnräume nach Süden/Westen (Licht + Wärme), Schlafräume nach Osten (Morgensonne), Nebenräume nach Norden (kein direktes Sonnenlicht nötig).

Pufferzone
Zwischen öffentlich und privat liegt eine Übergangszone — Flur, Diele, Garderobe. Sie filtert den Übergang und erzeugt psychologische Distanz.
Tag/Nacht-Teilung
Klassische Zweiteilung: Tagzone (Wohnen, Essen, Kochen) im EG oder südseitig, Nachtzone (Schlafen, Bad) im OG oder nordseitig.

Enfilade & Raumfolge

Die Enfilade (franz. „Flucht“) ist eine Folge von Räumen, deren Türen auf einer Achse liegen — so entsteht ein Durchblick durch die ganze Raumfolge. Perfektioniert in den Schlössern des Barock (etwa in den Staatsappartements von Versailles), ist die Enfilade mehr als ein Korridor: Sie ist eine inszenierte Raumerfahrung.

Raumfolge (Sequenz) ist das allgemeinere Prinzip: Wie erlebt man die Abfolge von Räumen? Eng → weit, dunkel → hell, niedrig → hoch. Frank Lloyd Wright nutzte diesen Kontrast systematisch — in der Literatur als „Compression and Release“ beschrieben: ein niedriger, oft dunkler Eingang, danach ein hoher, heller Hauptraum, der dadurch umso weiter wirkt.

„Der Grundriss ist der Generator.“

— Le Corbusier, Vers une architecture (1923): „Le plan est le générateur.“

Open Plan vs. Zellenstruktur

Freier Grundriss (plan libre): Le Corbusier formulierte ihn 1927 in seinen „Fünf Punkten einer neuen Architektur“ — weil Stützen die Lasten tragen, werden die Wände frei. Mies van der Rohe radikalisierte die Idee im Barcelona-Pavillon (1929): Wände werden zu freistehenden Scheiben, die den Raum lenken, aber nicht abschließen. Der Raum fließt. Aber: Akustik leidet, Privatheit fehlt, Wärme und Lärm lassen sich schwer zonieren.

Zellenstruktur (traditioneller Grundriss): Klar definierte Räume mit Wänden und Türen. Jeder Raum hat eine Identität, Privatheit ist gegeben. Aber: weniger Flexibilität, weniger Licht in innenliegenden Räumen.

Raumplan (Adolf Loos): Räume erhalten je nach Bedeutung unterschiedliche Höhen und greifen auf versetzten Ebenen ineinander — der Grundriss wird dreidimensional gedacht. Beispiele: Villa Moller in Wien (1927–1928) und Villa Müller in Prag (1928–1930).

Open Plan
+ Flexibel, lichtvoll, großzügig, kommunikativ
— Laut, wenig Privatheit, schwer zonierbar, alles sichtbar
Zellenstruktur
+ Privat, akustisch getrennt, identitätsstark, gut zonierbar (Wärme, Lärm)
— Weniger Licht, weniger Flexibilität, mehr Fläche für Wände
Hybrid (heute verbreitet)
Kombination: Offene Wohnbereiche + geschlossene Rückzugsräume. Schiebewände erlauben Transformation. Das Beste aus beiden Welten.

Totraum & Schwellenräume

Totraum ist ein Missverständnis. Es gibt keinen toten Raum — nur Raum, der nicht gestaltet wurde. Flure, Nischen, Treppenpodeste, Fensterbänke, Dachschrägen: All diese „Resträume" können die wertvollsten Orte eines Gebäudes werden.

Schwellenräume (Thresholds) sind die Übergänge zwischen Innen und Außen, zwischen öffentlich und privat. Die japanische Engawa (umlaufende Veranda) ist ein klassischer Schwellenraum: weder drinnen noch draußen. Aldo van Eyck prägte dafür den Begriff des „Zwischenraums“ (in-between); Herman Hertzberger entwickelte ihn weiter, etwa in Lessons for Students in Architecture (1991).

Grundriss-Typologien

Jede Grundrissform hat eine innere Logik — sie reagiert auf Grundstück, Programm, Klima und Kultur. Die wichtigsten Typologien:

Punkthaus
Kompakter Kern, Räume ringsum. Typisch für Wohnhochhäuser. Belichtung von allen Seiten.
Zeilenbau
Langgestreckt, ein- oder zweibündig. Gleichmäßige Belichtung. Klassisch für Wohnungsbau.
Hofhaus
Introvertiert, Räume um einen Innenhof. Privatheit + Licht. Mediterran, islamisch, modern.
Atrium
Zentraler überdachter Raum. Orientierung, Licht, Kommunikation. Büro, Museum, Hotel.
L-Form
Schafft geschützten Außenraum. Windschutz, Privatheit. Optimal für Eckgrundstücke.
Kreuzform
4 Flügel vom Kern. Max. Fassadenfläche. Krankenhaus, Universität, großer Wohnungsbau.
Rund / Ring
Keine Ecken, Symbolkraft. Beispiele: Apple Park (Ring), Pantheon (Rotunde). Verwandt, aber elliptisch: das Kolosseum.

Zonierung-Planer

Wie verteilt sich die Fläche eines Gebäudes auf die vier Zonen? Nutzen Sie die Regler, um die Proportionen anzupassen — von der öffentlichen Eingangszone bis zu den dienenden Räumen. Die Gesamtfläche bleibt immer bei 100%.

INTERAKTIV
Flächen-Verteilung
Verschieben Sie die Regler, um die Flächenanteile der vier Zonen zu ändern. Die Startwerte (20 / 30 / 30 / 20 %) sind ein Beispiel, keine Norm: Je nach Wohnungsgröße, Gebäudetyp und Erschließung schwanken die Anteile stark.
20%
30%
30%
20%
Öffentlich
20%
Halböffentl.
30%
Privat
30%
Dienend
20%

Quellen / Literatur

  1. DIN 1356-1:1995-02 Bauzeichnungen — Teil 1: Arten, Inhalte und Grundregeln der Darstellung. Berlin: Beuth (zurückgezogen; ersetzt durch DIN 1356-1:2024-04 „Grundregeln der Darstellung“, DIN Media).
  2. Le Corbusier: Vers une architecture. Paris: Crès 1923 (dt.: Ausblick auf eine Architektur, Bauwelt Fundamente 2).
  3. Metalocus: Villa Savoye — Five Points of a New Architecture. https://metalocus.es/en/news/villa-savoye-five-points-a-new-architecture
  4. Encyclopædia Universalis: Adolf Loos — la théorie du Raumplan. https://www.universalis.fr/encyclopedie/adolf-loos/2-la-theorie-du-raumplan/
  5. Herman Hertzberger: Lessons for Students in Architecture. Rotterdam: 010 Publishers 1991.
  6. Francis D. K. Ching: Architecture. Form, Space, and Order. 4. Aufl., Hoboken: Wiley 2015.
  7. Ernst Neufert: Bauentwurfslehre. Wiesbaden: Springer Vieweg (jeweils aktuelle Auflage).