Sechs Positionen, die das Bauen im 20. Jahrhundert neu definiert haben. Vom japanischen Autodidakten bis zur brasilianischen Sozialistin — ihre Haltungen sind so verschieden wie ihre Werke.
Ando ist der Meister der Reduktion. Seine Architektur besteht aus drei Elementen: Sichtbeton, Licht und Wasser. Ohne formale Ausbildung lehrte er sich Architektur selbst — durch Reisen, Zeichnen und das Studium von Le Corbusier. Sein Beton ist nicht roh, sondern ein Licht-Medium: Perfekt gegossen, seidenglatt, durchdrungen von Schlitzen, die das Tageslicht inszenieren.
Die Church of the Light (1989) in Ibaraki ist sein ikonischstes Werk: Ein Kreuz aus Licht, geschnitten in eine Betonwand. Kein Ornament, kein Überfluss — nur Stille und Licht. Auf Naoshima verwandelte er eine ganze Insel in ein Kunstmuseum, bei dem Architektur und Landschaft verschmelzen.
"In all my works, light is an important controlling factor."
— Tadao AndoKoolhaas denkt Urbanismus vor Architektur. Bevor er ein Gebäude entwirft, analysiert er die Stadt, die Kultur, die programmatischen Widersprüche. Sein Büro OMA (Office for Metropolitan Architecture) und dessen Forschungsarm AMO behandeln Architektur als intellektuelle Disziplin. Sein Manifest: Bigness — ab einer bestimmten Größe gehorcht ein Gebäude eigenen Regeln.
Das CCTV-Gebäude in Peking (2012) ist Anti-Turm: Statt in die Höhe zu streben, bildet es eine Schleife — ein 234 Meter hohes Programm-Diagramm. Die Seattle Public Library (2004) stapelt öffentliche Funktionen in transparenten Plattformen. Sein Buch S,M,L,XL (1995) ist selbst ein architektonisches Werk.
"The problem with architecture is that it has to stand up."
— Rem KoolhaasSiza liest den Ort, bevor er zeichnet. Seine Architektur wächst aus der Topografie, dem Licht und der Kultur eines Platzes. Weiße Volumina mit subtiler Geometrie — nie orthogonal, immer leicht verschoben, gedreht, angepasst. Seine Grundrisse fließen wie Landschaften, seine Schnitte folgen dem Gelände. Er baut nicht gegen den Ort, er baut ihn weiter.
Das Schwimmbad Leca da Palmeira (1966) ist in die Felsen der Atlantikküste eingelassen — Architektur als Verlängerung der Natur. Das Serralves Museum in Porto (1999) schlängelt sich durch einen Park, jeder Raum anders belichtet. Siza zeichnet obsessiv: Tausende Skizzen, bevor ein Entwurf entsteht.
"Architects don't invent anything, they transform reality."
— Alvaro SizaScarpa dachte Architektur vom Detail her. Während andere Architekten Gesamtformen entwerfen und Details delegieren, begann Scarpa mit der Fuge, dem Griff, der Wasserrinne. Jede Verbindung zweier Materialien ist bei ihm ein eigenständiges Kunstwerk. Beton trifft Messing, Holz trifft Mosaik, Wasser trifft Stein — immer mit einer präzisen Fuge dazwischen.
Das Castelvecchio Museum in Verona (1973) ist sein Hauptwerk: Eine mittelalterliche Burg, transformiert durch chirurgische Eingriffe. Neue Betonelemente lösen sich bewusst von der historischen Substanz — die Fuge wird zum Thema. Der Brion-Vega Friedhof (1978) bei Treviso ist sein letztes Werk und zugleich seine eigene Grabstätte: Wasser, Beton, Intarsien in einem meditativen Garten.
"I want to see things. That's all I really believe in."
— Carlo ScarpaBarragan baute Emotionen. Wo andere Architekten Funktion und Form optimieren, suchte er Stille, Sehnsucht und Geheimnis. Seine Werkzeuge: Farbe (leuchtendes Pink, tiefes Violett, warmes Orange), Wasser (stille Becken, die den Himmel spiegeln) und Licht (das durch schmale Öffnungen fällt und Farbwände zum Leuchten bringt).
Die Casa Barragan (1948) in Mexiko-Stadt ist introvertiert — eine hohe Mauer zur Straße, dahinter ein Paradies aus Farbe und Licht. Die Cuadra San Cristobal (1968) inszeniert Pferde vor einer magentafarbenen Wand mit Wasserlauf. Seine Architektur ist zutiefst mexikanisch: Vulkangestein, Putz, Farbe — und doch universal in ihrer emotionalen Wirkung.
"Any work of architecture that does not express serenity is a mistake."
— Luis BarraganBo Bardi verstand Architektur als soziales Werkzeug. Geboren in Rom, emigrierte sie 1946 nach Brasilien und widmete ihr Leben der Frage: Wie kann Architektur allen Menschen dienen, nicht nur der Elite? Ihre Gebäude sind offen, rau und demokratisch — Brutalismus mit tropischer Seele.
Das MASP (1968) in Sao Paulo schwebt auf vier roten Betonpfeilern über einem freien Platz — der Raum darunter gehört der Stadt. Die SESC Pompeia (1986) verwandelte eine Fabrik in ein Kultur- und Sportzentrum für die Arbeiterklasse: Brutale Betontürme mit unregelmäßigen Fensteröffnungen, verbunden durch Brücken. Ihre Casa de Vidro (1951) steht auf schlanken Stützen im Regenwald.
"Architecture should be a house for everybody."
— Lina Bo BardiSechs Haltungen zur Architektur. Klicke auf einen Architekten, um seine Philosophie zu erkunden.